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Die Nachbarin
Ich schaue zum Fenster hinaus, betrachte den fahlen Himmel. Langweilig im Gegensatz zu gestern Früh!
Was war das nur für ein Farbenspiel! Der Himmel glänzte und
funkelte, daß ich mitstrahlen mußte und nur bedauerte, keine Kamera dabeizuhaben um diese Pracht und diese Frische einzufangen.
Und heute? Öde. Ich wende den Blick ab, zögere. War da nicht
etwas? Ja.
Da klebt doch eine am Fenster, unbeweglich. Beobachtet sie den Verkehr? Lauscht sie den Gesprächen der unten Vorbeigehenden? Sinniert sie über das Leben? Was es mittags zu
essen gibt? Egal.
Mich fasziniert ihre Unbeweglichkeit. Und das bei dieser Kälte! Ihre Nachbarin, die wuselt nach oben und nach unten, hektisch, als ob bald alles zu spät wäre.
Und sie? Keine Reaktion. Neugierig geworden gehe ich näher. Nichts. Sie
rührt sich nicht. Absolut nicht. Ist sie tot? Erfroren?
Das Telefon läutet. Der erste Kunde erscheint. Die Arbeit beginnt. Aber immer wieder schweift mein Blick zum
Fenster. Nichts. Dieser dumpfe Himmel scheint ihr Leichentuch zu sein.
Der Chef kommt, Anrufe, Post, der normale Wahnsinn. Mittlerweile ist es 11:40 Uhr. Bald Mittag. Und
sie?
Noch immer keine Bewegung, nichts. Wie ein Klotz hängt sie da. Ich bin betroffen, weiß selbst nicht, warum.
Plötzlich zuckt ein Bein, dann das nächste, wieder eins. So, als wolle
sie ihren Körper langsam hochfahren.
Behäbig dreht sie sich. Sie lebt?! Meine Freude ist grenzenlos. Juhu, sie lebt! Sie lebt und ich kann jetzt irgendwie beruhigt nach Hause gehen.
Gabriele Fleischhacker 9.10.2001
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